Pflege in Ingolstadt 1999–2023 und Pflegeprognose bis 2043
Analyse der Entwicklung der Pflegebedürftigkeit in Ingolstadt zwischen 1999 und 2023 sowie die voraussichtliche Entwicklung bis zum Jahr 2043
Die vorliegende Analyse untersucht die Entwicklung der Pflegebedürftigkeit in Ingolstadt zwischen 1999 und 2023 sowie die voraussichtliche Entwicklung bis zum Jahr 2043. Grundlage sind die amtliche Pflegestatistik des Bayerischen Landesamts für Statistik, Daten des Gesundheitsamtes zur stationären Pflegeinfrastruktur sowie Bevölkerungsdaten und Bevölkerungsvorausberechnungen.
Zu beachten ist, dass die Zeitreihen vor und nach dem Jahr 2017 nur eingeschränkt vergleichbar sind. Mit dem Inkrafttreten des Zweiten Pflegestärkungsgesetzes wurde der Pflegebedürftigkeitsbegriff grundlegend erweitert. Seitdem werden neben körperlichen Einschränkungen insbesondere kognitive und psychische Beeinträchtigungen stärker berücksichtigt. Dadurch erhöhte sich die Zahl der anerkannten Pflegebedürftigen deutlich.
Die Prognose der Pflegebedürftigen beruht auf alters- und geschlechtsspezifischen Pflegequoten sowie auf den Bevölkerungsvorausberechnungen des Bayerischen Landesamts für Statistik. Da zum Zeitpunkt der Berechnungen noch keine aktuelle Bevölkerungsprognose der Stadt Ingolstadt vorlag, wurde die Landesamtsprognose als Grundlage verwendet.
Für die Abschätzung des zukünftigen Bedarfs an stationären Pflegeplätzen werden unterschiedliche Szenarien betrachtet, die verschiedene Entwicklungen der Pflegequoten und unterschiedliche Anteile stationär versorgter Pflegebedürftiger berücksichtigen.
Zusammenfassung
Die Pflegebedürftigkeit hat in Ingolstadt in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Während die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2015 vergleichsweise stabil blieb, führte die Reform der Pflegeversicherung im Jahr 2017 zu einem starken Anstieg der anerkannten Pflegebedürftigen. Gleichzeitig verlagerte sich die Versorgung zunehmend vom stationären in den ambulanten Bereich.
Die Bevölkerungsentwicklung wird die Herausforderungen der pflegerischen Versorgung weiter verstärken. Insbesondere die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner im Alter von mindestens 75 Jahren wird in den kommenden Jahrzehnten deutlich steigen. Je nach zugrunde gelegtem Szenario ist bis 2043 mit rund 5.900 bis 6.500 Pflegebedürftigen zu rechnen.
Die stationäre Pflege steht dabei vor besonderen Herausforderungen. Einerseits steigt die Zahl potenziell pflegebedürftiger Personen, andererseits begrenzen Fachkräftemangel, steigende Kosten und Investitionshemmnisse die Ausweitung stationärer Kapazitäten. Die Entwicklung alternativer Wohn- und Pflegeformen gewinnt daher zunehmend an Bedeutung.
1. Einleitung
Die Bevölkerungsalterung zählt zu den wichtigsten demografischen Entwicklungen in Deutschland. Auch in Ingolstadt nimmt die Zahl älterer Menschen seit Jahren kontinuierlich zu. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu werden. Die kommunale Pflegeplanung steht daher vor der Aufgabe, zukünftige Bedarfe möglichst frühzeitig zu erkennen.
Ziel dieses Berichts ist es, die Entwicklung der Pflegebedürftigkeit seit 1999 darzustellen, die bestehenden Versorgungsstrukturen zu analysieren und auf Basis aktueller Bevölkerungsprognosen mögliche zukünftige Entwicklungen abzuschätzen.
2. Entwicklung der Pflegebedürftigkeit 1999–2023
Entwicklung der Pflegebedürftigen insgesamt
Bis etwa Mitte der 2010er Jahre zeigte sich in Ingolstadt eine vergleichsweise stabile Entwicklung der Zahl der Pflegebedürftigen. Teilweise war sogar ein leichter Rückgang zu beobachten.
Mit Einführung des neuen Pflegestärkungsgesetzes im Jahr 2017 kam es zu einem deutlichen Niveauanstieg. Vor allem Personen mit kognitiven Einschränkungen, insbesondere demenzielle Erkrankungen, werden seitdem häufiger als pflegebedürftig anerkannt. Die Zahl der Pflegebedürftigen stieg dadurch innerhalb kurzer Zeit erheblich an.
Darüber hinaus zeigt sich ein ausgeprägter Zusammenhang zwischen Alter und Pflegebedürftigkeit. Besonders in den hohen Altersgruppen nimmt das Risiko einer Pflegebedürftigkeit stark zu. Aufgrund der höheren Lebenserwartung sind Frauen in den höheren Altersjahren deutlich häufiger betroffen als Männer.
Vergleich mit Bayern und Deutschland
Der Vergleich mit Bayern und Deutschland zeigt, dass sich die Entwicklung in Ingolstadt vor 2017 von den übergeordneten Trends unterschied. Während die Zahl der Pflegebedürftigen in Bayern und Deutschland bereits anstieg, ging sie in Ingolstadt leicht zurück.
Seit der Reform des Pflegebegriffs verlaufen die Entwicklungen weitgehend parallel. Die Auswirkungen des Pflegestärkungsgesetzes zeigen sich in allen Vergleichsräumen deutlich und führten zu einem erheblichen Anstieg der Pflegezahlen.
Pflegebedürftigkeit nach Alter
Die stärksten absoluten Zuwächse sind in den Altersgruppen ab 75 Jahren festzustellen. Besonders stark nahm die Zahl der Pflegebedürftigen unter den Hochaltrigen ab 85 Jahren zu.
Relativ betrachtet verzeichnete allerdings auch die Altersgruppe der 65- bis unter 75-Jährigen seit 2017 hohe Zuwächse. Dies verdeutlicht, dass Pflegebedürftigkeit zunehmend früher statistisch erfasst wird als in der Vergangenheit.
Pflegebedürftige und Bevölkerungsentwicklung
Die Zahl der älteren Einwohnerinnen und Einwohner ist seit 1999 kontinuierlich gestiegen. Während die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2015 trotz dieser Entwicklung weitgehend konstant blieb, nahm sie seit 2017 deutlich stärker zu als die ältere Bevölkerung insgesamt.
Dies verdeutlicht den erheblichen Einfluss der gesetzlichen Änderungen auf die Entwicklung der Pflegestatistik.
3. Pflegeformen und Pflegequoten
Entwicklung der Versorgungsformen
Die Versorgung pflegebedürftiger Menschen erfolgt überwiegend durch Pflegegeldleistungen und ambulante Pflegeangebote. Beide Versorgungsformen verzeichneten seit 2017 deutliche Zuwächse.
Die Zahl der stationär versorgten Personen blieb dagegen weitgehend konstant. Die Ausweitung der Pflegebedürftigkeit schlug sich folglich vor allem in der häuslichen und ambulanten Versorgung nieder.
Betrachtet man die Anteile der einzelnen Pflegeformen, zeigt sich ein deutlicher Strukturwandel. Der Anteil stationärer Versorgung ging erheblich zurück. Dies bedeutet jedoch nicht, dass weniger Menschen stationär gepflegt werden, sondern dass die Zahl der Pflegebedürftigen insgesamt deutlich stärker zunahm als die Zahl stationär Versorgter.
Pflegequoten im Städtevergleich
Im Vergleich mit anderen bayerischen Großstädten weist Ingolstadt einen überdurchschnittlichen Anstieg der Pflegequoten auf. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich auch in mehreren Städten Nordbayerns sowie in den Nachbarlandkreisen der Region 10.
Die Ursachen solcher Unterschiede können vielfältig sein und reichen von demografischen Faktoren über soziale Strukturen bis hin zu regional unterschiedlichen Antrags- und Inanspruchnahmeverhalten.
Pflegequoten der Bevölkerung ab 75 Jahren
Die Pflegequoten der älteren Bevölkerung gingen bis 2019 zunächst zurück. Dies könnte auf eine verbesserte gesundheitliche Situation älterer Menschen sowie auf spätere Eintritte in Pflegebedürftigkeit hindeuten.
Seit 2019 ist jedoch wieder ein deutlicher Anstieg zu beobachten, der wesentlich durch die erweiterten gesetzlichen Definitionen von Pflegebedürftigkeit beeinflusst wird.
4. Pflegegrade
Pflegebedürftige nach Pflegegrad
Die größte Gruppe der Pflegebedürftigen entfällt auf die Pflegegrade 2 und 3. Diese umfassen den überwiegenden Teil aller anerkannten Pflegebedürftigen.
Höhere Pflegegrade treten insbesondere in den hohen Altersgruppen auf. Pflegegrade 4 und 5 sind deutlich stärker unter Personen ab 65 Jahren vertreten als bei jüngeren Pflegebedürftigen.
5. Stationäre Versorgung und Pflegeinfrastruktur
Entwicklung der Pflegeheime
Von 1999 bis 2007 wurde die stationäre Pflegeinfrastruktur deutlich ausgebaut. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Zahl der Plätze weitgehend stabil beziehungsweise leicht rückläufig.
Obwohl die Zahl der Pflegebedürftigen insgesamt erheblich zunahm, führte dies bislang nicht zu einer entsprechenden Ausweitung der stationären Kapazitäten.
Pflegebedürftige in Pflegeheimen
Die stationäre Langzeitpflege stellt weiterhin die wichtigste Form der Heimversorgung dar. Daneben haben teilstationäre Angebote wie Tagespflegeeinrichtungen zunehmend an Bedeutung gewonnen.
Der Ausbau solcher Angebotsformen ermöglicht es vielen Pflegebedürftigen, länger in ihrem häuslichen Umfeld zu verbleiben.
Pflegegrade in der stationären Versorgung
Von 2019 auf 2023 gab es bei der stationären Pflege Verschiebungen hinsichtlich des Pflegegrads.
Ende 2023 wurden weniger Menschen mit den höheren Pflegegraden 4 und 5 als noch 2017 stationär gepflegt. Die Zahl der stationär pflegebedürftigen Personen bei den Pflegegraden 2 und 3 stieg dagegen an.
Die Daten deuten darauf hin, dass stationäre Einrichtungen zunehmend diejenigen Personen versorgen, deren Unterstützungsbedarf durch ambulante Strukturen allein nicht mehr ausreichend abgedeckt werden kann.
Platzkapazitäten
Die Zahl der offiziell freien Plätze vermittelt nur eingeschränkt ein realistisches Bild der tatsächlichen Kapazitäten. Ein erheblicher Teil dieser Plätze kann aufgrund fehlenden Personals oder organisatorischer Einschränkungen kurzfristig nicht belegt werden.
Die tatsächliche Reserve an verfügbaren Pflegeplätzen fällt daher deutlich geringer aus als die rechnerisch vorhandenen Kapazitäten.
Fachkräftesituation
Der Fachkräftemangel stellt eine der größten Herausforderungen der stationären Pflege dar. Die Soll-Vorgaben bei den Fachkräften konnten über viele Jahre hinweg nicht vollständig erreicht werden.
Mit dem Eintritt vieler Pflegekräfte in den Ruhestand dürfte sich diese Problematik in den kommenden Jahren weiter verschärfen.
6. Ambulante Pflege
Entwicklung der ambulanten Pflegedienste
Die ambulante Pflege hat seit 2017 stark an Bedeutung gewonnen. Sowohl die Zahl der Pflegedienste als auch die Zahl der Beschäftigten und betreuten Personen stiegen deutlich an.
Dieser Ausbau könnte auch dem dem Wunsch vieler Pflegebedürftiger entsprechen, möglichst lange in der eigenen Wohnung verbleiben zu können.
Pflegegrade in der ambulanten Versorgung
Bis 2015 waren hauptsächlich die Personen mit Pflegestufen 1 und in geringerem Umfang auch 2 in der ambulanten Betreuung. Auch 2017 war das im Prinzip noch der Fall, da der größte Teil der Gepflegten die Pflegegrade bis 3 hatte. Von 2017 bis 2023 nahm die Zahl der ambulant Versorgten deutlich zu. Vor allem die Pflegegrade 1 bis 3 machten den Groß-teil der Zunahme in der ambulanten Pflege aus.
Pflegegeld
Bei den Empfängern/- innen von Pflegegeld sind die zahlenmäßigen Steigerungen der Pflegebedürftigen etwa in den Zunahmen der Pflegebedürftigen der Pflegegrade 2 und 3 abgebildet. Die Pflegegrade 0 und 1 erhielten kein Pflegegeld. Der Pfleggrad 4 enthält auch Personen mit Demenz und ist auch in den letzten sechs Jahren gestiegen, während es beim Pflegegrad 5 kaum Veränderungen gab.
Insbesondere bei mittleren Pflegegraden wird ein erheblicher Teil der Versorgung voraussichtlich weiterhin im familiären Umfeld organisiert.
7. Bevölkerungsentwicklung bis 2043
Bevölkerungsvorausberechnung
Die Bevölkerungsentwicklung wird in den kommenden Jahrzehnten maßgeblich durch die Alterung der Babyboomer-Generation geprägt. Besonders stark wachsen die Altersgruppen ab 65 Jahren.
Die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner im Alter von 75 bis unter 85 Jahren wird bis 2043 deutlich ansteigen. Gleichzeitig wächst auch die Zahl der Hochaltrigen ab 85 Jahren weiter.
Da diese Altersgruppen die höchsten Pflegequoten aufweisen, wird die Nachfrage nach Pflegeleistungen voraussichtlich deutlich zunehmen.
8. Pflegeprognose bis 2043
Prognose der Pflegebedürftigen
Die Prognose zeigt unabhängig vom Szenario einen weiteren Anstieg der Pflegebedürftigkeit. Im günstigeren Szenario ergibt sich bis 2043 eine Zahl von rund 5.900 Pflegebedürftigen. Bei konstanten Pflegequoten steigt die Zahl auf knapp 6.500 Personen an.
In beiden Varianten liegt die Zahl der Pflegebedürftigen deutlich über dem heutigen Niveau.
9. Abschätzung des Bedarfs an Pflegeplätzen
Die Abschätzung zukünftiger Pflegeplatzbedarfe basiert auf folgenden Grundannahmen zur stationären Versorgung:
Die Zahl der zukünftigen Pflegebedürftigen (wurde in 2 Szenarien berechnet; je nach Szenario rund 5 800 bis 6 500 Pflegebedürftige bis 2043). Grundannahme ist dabei, dass es keine weiteren Nachholeffekte durch das Pflegestärkungsgesetz mehr gibt.
Der prozentuale Anteil der stationär Pflegebedürftigen an allen Pflegebedürftigen lag in den Jahren 2007 bis 2015 bei 35 bis 37%. Durch die Ausweitung des Pflegebegriffs (starke Zunahme der anerkannten Pflegebedürftigen) sank der Anteil der stationären Betreuung bei fast gleicher Zahl der Pflegeplätze von 2017 (28%) über 2019 (22%) bis 2023 (17%).
Für die Berechnung der zukünftig benötigten Heimplätze wurden daher folgende Annahmen getroffen:
Möglicher kommender Rechtsanspruch auf einen Pflegeplatz für Pflegegrad 2 und höher (Berechnung aus den Daten 2023 ca. 80% der Pflegebedürftigen)
Annahme der Inanspruchnahme des Pflegeplatzes von 20% bzw. 25% der Personen mit Pflegegrad 2 und höher, das ergibt eine Quote von 16% (80% * 20%) bzw. 20% (80% *25%) der Pflegebedürftigen insgesamt.
Berechnung in zwei Szenarien (gleiche Pflegequoten wie 2023 bzw. jährlich 0,5% geringere Pflegequoten (Trend der letzten 20 Jahre). Bei der Heimplatzberechnung wird die Variante mit konstanter Pflegequote verwendet und die zwei Szenarien mit 16% und mit 20% stationärer Pflege dargestellt.
Ergebnisse
Beim Vergleich der beiden Szenarien mit 16% bzw. 20% stationärer Pflege und mit jeweils konstanter Pflegequote zeigt sich:
Bei 16% stationärer Versorgung (derzeit 17%) der zukünftig steigenden Zahl an Pflegebedürftigen reichen die Pflege-plätze bis 2033 aus. Bei einer stationären Versorgung von 20% der Pflegebedürftigen fehlen bereits zwischen 205 und 385 Plätze.
10. Ausblick
Die zukünftige Entwicklung der Pflege wird nicht allein durch demografische Faktoren bestimmt. Ebenso wichtig sind gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen.
Für eine steigende Nachfrage nach institutioneller Pflege sprechen insbesondere die zunehmende Zahl älterer Menschen, steigende Erwerbsquoten von Frauen, die räumliche Trennung von Generationen, die Zunahme von Einpersonenhaushalten sowie die wachsende Bedeutung dementieller Erkrankungen.
Demgegenüber stehen Faktoren, die eine Ausweitung stationärer Versorgung limitieren. Hierzu zählen insbesondere steigende Heimkosten, der Fachkräftemangel, begrenzte finanzielle Ressourcen sowie die Förderung alternativer Wohn- und Pflegeformen.
Vor diesem Hintergrund erscheint ein weiterer Ausbau ambulanter und teilstationärer Angebote ebenso bedeutsam wie die Sicherung der personellen Grundlagen stationärer Pflege. Die zukünftige Pflegeplanung wird daher eine ausgewogene Weiterentwicklung aller Versorgungsformen berücksichtigen müssen.




















